Verfasst am Jun 5, 2018 in Allgemein

Katar: Ein Jahr im Embargo – Erinnerungen an die deutsche Teilung

Es mutet an, wie der Blick auf die jüngste deutsche Geschichte, wenn wir sehen, wie Familien auseinandergerissen, Freunde getrennt und Karrieren beendet worden sind. Schauen wir heute auf Katar, dann fühlen wir uns hier in Deutschland unweigerlich an die deutsche Teilung und an die Geschichte der Berliner Mauer erinnert. Denn inmitten der arabischen Welt wurde Katar heute vor einem Jahr unfreiwillig zu einer auf sich gestellten Insel der freien Welt. Ebenso eingezwängt zwischen den Mächten wie es Berlin einst gewesen ist.

Anfang Juni 2017 brachen Ägypten, Bahrain, Saudi-Arabien, und die Vereinigten Arabischen Emirate, die diplomatischen Kontakte zu Katar ab, sie verhängten ein Handelsembargo, brachen Verträge und schlossen die Grenzen zu Land, Luft und zur See. Diese Blockade, die unabsehbare und dramatische Folgen für zahllose Menschen auf der arabischen Halbinsel hat, jährt sich heute zum ersten Mal.

Es ist ein trauriger Jahrestag, den wir heute begehen müssen. Ein Jahrestag, der die fortschreitende Instabilität in einer labilen Region markiert. Es ist der Jahrestag einer politischen, wirtschaftlichen und humanitären Krise.

Aber es ist auch ein Tag, an dem wir uns unserer Stärken bewusst sind. Stärken der Harmonie und der Versöhnung. Stärken wie die historischen, familiären und kulturellen Bande, die uns mit den Bruderstaaten der Region am Golf verbunden haben und auch in Zukunft immer verbinden werden.

Wir sind immer offen für den Dialog und suchen nach Lösungen in diesem Konflikt. Gleichzeitig werden wir aber auch nicht die Souveränität unseres Landes aufgeben. Die Blockade muss enden, im Dialog, in der Zusammenarbeit und der Entwicklung einer gemeinsamen Zukunft.

In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, dass das Embargo die Ziele der Blockadestaaten nicht erfüllt hat. Signifikant konnte Katar seine weitere Entwicklung, die Wirtschaft und seine Unabhängigkeit stärken. Das Land ist nicht nur autarker geworden, zum Beispiel in dem Katar nun die eigene Nahrungsmittelsicherheit gewährleisten kann, außerdem konnte Katar durch die Diversifizierung von Import und Export neue Märkte und 400 Millionen neue Kunden erreichen.

Mit neuen Partnern auf der ganzen Welt und unserer Aufgeschlossenheit zu den kulturellen Werten des Westens. Der Lösungsweg aus der Krise und eine Möglichkeit zur früheren Zusammenarbeit in der Region zurückzukehren, basiert deshalb auf zwei Prinzipien: Auf dem beiderseitigem Respekt der Souveränität und auf dem Aufbau einer ebenbürtigen Beziehung zwischen den Ländern der arabischen Welt.

Als starker Partner Deutschlands im Nahen und Mittleren Osten steht Katar als Softpower für den friedlichen, positiven Wandel am Golf. Wirtschaftlich stehen die katarischen Investitionen in Deutschland von mehr als 21 Milliarden Euro und die Exportkraft Deutschlands nach Katar für die enge Verknüpfung und gleichzeitig erreicht auch der kulturelle Austausch unserer beiden Länder neue Höhen.

In diesem Zusammenhang steht auch Katars nationale Vision 2030 mit ihren vier Säulen: Die menschliche, soziale, ökonomische und ökologische Entwicklung. Unsere Vision 2030 hat zum Ziel, unser Land voranzubringen, es zu befähigen, seine Errungenschaften zu bewahren und einen hohen Lebensstandard – heute und für zukünftige Generationen – zu sichern. Das Programm steht dafür, eine florierende Gesellschaft zu fördern. Eine Gesellschaft, die nach hohen moralischen Standards gerecht und mitfühlend ist und dadurch eine bedeutende Rolle in der globalen Gemeinschaft spielen kann. Dies wünschen wir uns für die gesamte Region und unsere arabischen Nachbarn mit der Unterstützung der Weltgemeinschaft, um diesen Konflikt zu überwinden.

Was uns sensibel für die Geschichte der deutschen Teilung macht, ist das Thema der Menschenrechte.

„Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren“, lautet Artikel 13 Absatz 2 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“. Mit ihrem Beitritt zu den Vereinten Nationen haben unsere Nachbarstaaten diese Erklärung und damit auch das Recht auf Freizügigkeit anerkannt. Die Menschenrechtsverletzungen, die von den Blockadestaaten täglich begangen werden, kann und darf die Weltgemeinschaft nicht hinnehmen.

Die Berliner Mauer fiel vor 29 Jahren. Aus der Geschichte zu lernen heißt, Mauern zwischen den Völker, wo immer sie sich auftun, friedlich niederzureißen und die Freiheit wieder triumphieren zu lassen.

 

Scheikh Saoud Bin Abdulrahman Al Thani

Botschafter des Staates Katar in Deutschland